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Von Kanada nach San Francisco 
Unsere USA-Fahrt 2008
„Als Plan genügt eine Idee oder Absicht. Alles andere ergibt sich unterwegs. . . . Ich darf mich nicht mit einer Vorplanung so festlegen, dass ich nicht unterwegs plötzlich das genaue Gegenteil tun kann. Die Fähigkeit zu Improvisation und zu Beweglichkeit muss mein Handeln bestimmen.“ Das war der letzte Tipp von FM, dem Bundesmeister der Nerother, für die „Vorbereitung“ unserer Amerikafahrt. Gesagt, getan: Wir besorgten uns also einen Flug nach Vancouver in Kanada und ein Rückflugticket von San Francisco. Basta. Die 2000 km dazwischen – durch Washington State, Oregon und Kalifornien – werden sich von selbst ergeben . . . Und tatsächlich brauchte die schönste und spannendste Sommerfahrt, die je einer von uns erlebt hat, nicht viel mehr Vorbereitung.
Hier ein paar Ausschnitte aus unserer Fahrtenchronik:
Sa/So, 2./3. August. Das ungeplante Ende unserer ersten Tour.
Seit zwei Tagen sind wir (acht Raider und Rover der KPE aus Bayern und BW) im Gebirge der Northern Cascades unterwegs. Nach einem spannenden Grenzübergang von Kanada in die USA als hitchhiker (was in den USA so eigentlich gar nicht möglich ist) haben sich alle Trampgruppen am Rainy-Pass wieder getroffen. Unser Wanderweg, der Pacific Crest Trail (PCT), führt durch unglaublich weite, endlos lange, dicht bewaldete Hochtäler. Die Zivilisation liegt längst hinter uns. Unser Notfallhandy hat kein einziges Mal Funkkontakt. Heute Vormittag steht die Überschreitung des ersten namhaften Passes an: der Suiattle Pass. Doch Fehlanzeige. Trotz eines (beinahe) Non-stop-Marsches – sogar die Stille Stunde wird geopfert – erreichen wir die höchste Stelle erst um 18 Uhr, wo wir aber unmöglich zelten können. Zum nächsten Lagerplatz sind es nochmals zwei Stunden. Doch der Himmel schickt uns James, einen jungen Amerikaner, der mit seinem Pferd in dieselbe Richtung unterwegs ist, uns etwas Gepäck abnimmt... So können wir „schon“ um halb 8 unser Zelt aufstellen. 
Bevor wir am nächsten Tag aufbrechen, bespricht der Rundenrat die Lage: Unsere Verpflegung reicht noch für drei Tage, maximal vier. Laut Karte sind es bis zur nächsten Straße 65 Meilen durchs Gebirge, über drei extrem hohe und vier mittlere Pässe. Die Mehrheit stimmt trotzdem dafür, das „Unmögliche“ zu versuchen. Doch schon bald das nächste Problem: Die offizielle Route ist durch Unwetter zerstört und unbegehbar. Die Umleitung macht die Etappe nochmals 20 Meilen länger, mit zusätzlichen Pässen... Es gibt nur zwei Alternativen: Alles zurück oder nach Westen aus dem Gebirgszug „aussteigen“. In zwei Tagen sollten wir die nächste Straße erreichen können. Allerdings haben wir von diesem Gebiet natürlich keine Karte. Wir entscheiden uns trotzdem für die zweite Variante. Wir steigen in’s nächste Tal ab und stellen fest, dass es tatsächlich einen Weg gab – aber eben gab: Stundenlang klettern wir über bzw. unter umgestürzte Bäume, in der steten Ungewissheit, ob der Weg am Ende nicht doch ganz unpassierbar wird und nur noch das Zurück bleibt. Erst am Abend dann die Erleichterung: Wir stoßen auf eine ehemalige Fahrstraße, auf der wir am nächsten Tag den Highway erreichen können. Unsere erste Etappe hat ein ungeplantes, aber abenteuerliches Ende gefunden. Wie wird es weitergehen?

Mo, 11. August. Eine Traumetappe
Seit fünf Tagen sind wir wieder off-road. Der Pfad vom Stevenspass zum Snoqualmie-Pass wurde uns von entgegenkommenden hikern als „schönstes Teilstück des gesamten PCT“ empfohlen: Bizarre Gipfel, wilde Schluchten, schäumende Gebirgsbäche, steile Schneefelder, tiefblaue Bergseen, blühende Bergwiesen... und durch all das führt unser spektakulär angelegter Fernwanderweg. Einer der vielen Seen, die wir heute passieren, trägt nicht zu unrecht den Namen Spectacle Lake: Die „Komposition“ aus Fels, Schnee, Bäumen, Gras und See ist schlichtweg perfekt. In dieser einzigartigen Kulisse feiern wir die Hl. Messe und halten unsere Stille Stunde (als „Diskussions-Leitfaden“ für die Fahrt haben wir das Buch Pardon, ich b in Christ von C.S. Lewis dabei, auf das sich jeder z.B. in der Stillen Stunde vorbereiten kann). Der weitere Weg läuft zwischen den Gipfeln der Three Queens und den Four Brothers hindurch; so können wir alles nochmals aus der Vogelperspektive betrachten. Schon jetzt hat sich unsere Fahrt absolut gelohnt! Auf einem luftigen Bergrücken (natürlich mit ein paar kleinen Seen) stellen wir unsere Zelte auf. Direkt vor uns liegt der König der Kaskadenkette: der Mount Rainier mit 4395 Meter.
Mi, 13. August. Auf nach Oregon
Gestern Abend haben wir den Snoqualmie-Pass erreicht und damit nach sieben Tagen Hochgebirge wieder eine Straße. In einem kleinen Seitental lernen wir Rebecca und Alexander kennen, die uns mit nach Hause nehmen. Amerikanische Gastfreundschaft: Die beiden stellen uns nicht nur ihre Sauna zur Verfügung, sondern bitten uns sogar von sich aus, ihrer Speisekammer zu plündern. Es gelingt uns, die Erlaubnis auf ihren Weinkeller auszudehnen (...freilich nur, weil wir neuen Messwein brauchen...). In einer internationalen Abendrunde mit den Kindern vom Nachbarhaus erlernen wir die Kunst des Marshmallows-Grillens – die in uns begeisterte Anhänger findet.
Nachdem wir am Morgen von unseren Gastgebern mit umfangreichen Lunch-Packeten ausgerüstet wurden, teilen wir uns wieder in kleine Trampgruppen. Als Treffpunkt für den nächsten Tag vereinbaren wir den McKenzie-Pass, rund 500 km weiter südlich im Herzen Oregons. Wir wählen eine östliche Tramproute und b efinden uns schon nach 50 Meilen in einer Wüstenlandschaft. Die hohen Gipfel der Northen Cascades blockieren den von Westen kommenden Regen und schaffen damit auf kürzeste Distanz ein völlig anderes Klima. Die meisten von uns erreichen noch am Abend den Columbia-River, den größten nordamerikanischen Fluss nach Westen, der zugleich die Grenze zwischen Washington State und Oregon bildet.
So, 17. August. Entlang von Glaube, Hoffnung und Liebe
Seit drei Tagen wandern wir im Gebiet der Three Sisters, drei Vulkanberge mit den schönen Namen Faith, Hope und Charity , die alle anderen Gipfel der Umgebung weit überragen. Die Landschaft mit ihren erkalteten Lavaflüssen besitzt einen ganz besonderen Reiz. Für die Sonntagsmesse besteigen wir einen kleinen, noch rauchenden Vulkankegel. Der Rauch stammt von einem kleinen Waldbrand, der vor vier Tagen durch Blitzschlag ausgelöst wurde – so berichtet uns eine Gruppe von Smokejumpern (eine Spezialeinheit, die in Minutenschnelle per Fallschirm am Brandherd einsatzbereit ist), die die glühenden Überreste bewachen. Nachmittags muss sich unsere Gruppe am Moraine-Lake trennen, da nicht alle Raider fünf Wochen Urlaub bekommen haben. Die Restlichen schlagen am Fuß der Charity, der südlichsten und höchsten Sister, ein „Basislager“ auf und bereiten die Besteigung vor, die für den nächsten Tag geplant ist. Allerdings steht uns erst noch eine unruhige Nacht bevor: Ununterbrochen blitzen und grollen am Horizont schwere Gewitter, die in den frühen Morgenstunden sogar zwei Mal über uns hinweg ziehen. Doch Wettersegens sei Dank gelingt unsere Gipfelexpedition doch noch.

Mi, 20. August. Wieder auf der Straße
Wir trampen wieder. Unser nächstes Ziel ist der Redwood-Nationalparc in Kalifornien mit den größten und ältesten Bäumen der Welt. Unterwegs können wir es nicht lassen, dem Crater-Lake einen Besuch abzustatten, ein ca. 10km durchmessender Vulkankrater mit einem 600m tiefen See. Gestern Abend hat uns noch eine junge Amerikanerin (die eigentlich in eine ganz andere Richtung wollte...) in den Nationalpark gebracht. Die ganze Nacht war es stürmisch und heute erwachen wir in dichtem Nebel. Es ist empfindlich kalt auf 2000m Höhe. . . . Doch es hilft nichts. Wir müssen weiter. Aber bei diesem Wetter hat jedes Auto Mitleid mit uns armen Pfadfindern. Gleich der erste Wagen bringt uns zum gewünschten Ort auf die andere Seite des Kraters. Und schließlich erbarmt sich auch noch St. Petrus: Am Nachmittag reißt das Wetter auf und der Crater-Lake liegt tief blau schimmernd zu un seren Füßen.
Sa, 23. August. „Strandurlaub“ im Schatten der Redwoods
Wir haben unsere erste Nacht am Strand des pazifischen Ozeans verbracht. Keine Menschenseele weit und breit. Nur das Donnern von gigantischen Wellen, die sich unablässig an den Felsen brechen, liegt uns in den Ohren. Weil an dieser Stelle der nordkalifornischen Steilküste ein Sandstreifen vorgelagert ist, können wir den ganzen Tag direkt am Meer gen Süden laufen. Nach einer Stunde treffen wir auf eine Gruppe äsender Elche. Bis auf 20m lassen uns die riesigen Tieren an sich heran kommen ohne unruhig zu werden. Noch nie sahen wir die majestätischen Tiere aus solcher Nähe. Weiter südlich führt eine Straße zur Küste. Am Strand machen wir Bekanntschaft mit David Cobb, dem US-Präsidentschaftskandidaten der Gr ünen im Jahr 2004. Er trägt uns schöne Grüße an Joschka Fischer auf und – was wichtiger ist – lädt uns zum Essen ein... Abends schlagen wir erneut unser Zelt am Strand auf. Ein kleiner Bach, der hier in den Pazifik mündet, versorgt uns mit Süßwasser. Hinter dem Sandstreifen beginnt der Urwald mit den riesigen, bis zu 2000 Jahren alten Redwoods. Besonderes High-light: Am Strand liegt ein angeschwemmter, meterdicker und durch-und-durch glühender Baumstumpf, der im Umkreis von 5m eine richtige Kachelofen-Atmosphäre verbreitet, was der Abendrunde einen besonderen Flair verleiht. Wegen des traumhaften Platzes beschließen wir spontan (vgl. FM), die weitere Wanderung einfach um einen Tag zu verschieben.
Sa, 29. August. Sightseeing in SF
Unser zweiter Tag in San Francisco, unser letzter auf ame rikanischen Boden. Es kommt uns vor, als hätte die Fahrt gerade erst begonnen, so schnell sind fünf Wochen verflogen. Wir sind in einer Pfarrei von Salesianern im Stadtzentrum untergebracht und feiern am Morgen in der Hauskapelle die Hl. Messe. Während unserer Wanderungen haben wir einige dreistimmige Gesänge einstudiert, um die Hl. Messe als den wichtigsten Programmpunkt des Tages auch unter freiem Himmel möglichst würdig feiern zu können. Ein alter Pater, der uns hört, ist sichtlich berührt. („Oh, your group is like a novitiate...“). Das touristische Pflichtprogramm von SF – Golden Gate Bridge & Co – haben wir bereits gestern absolviert. Den heutigen Tag verbringt jeder, wie und wo er will: Der eine erkundet alle Cable-Car-Linien; frömmere Gemüter wallfahren lieber von einem Outdoor-Shop zum anderen...
Was war nun eigentlich das Besondere unserer Amerikatour? Warum für eine Raiderfahrt über den Atlantik jetten?

(a) Das Land. Tatsächlich ist die Natur in Amerika einfach eine Nummer „größer“ als in Europa: Die Täler sind weiter, die Gipfel schroffer, die Bäume größer, die Pfade länger, und vielleicht sind sogar die Seen blauer... Vor allem aber: das Land ist einfach endlos! Dazu die totalen Gegensätze: Vom Hochgebirge durch die Wüste in eine Vulkanlandschaft, und weiter zu Steilküste, Strand und Regenwald. Abwechslungsreicher geht es nicht.
(b) Die Leute. Freilich hat nicht jeder Amerikaner auf der Straße für uns angehalten. Aber nach jeder Tramp-Etappe konnte jede Gruppe von neuen und schönen, manchmal überraschenden, ja abenteuerlichen, immer aber erfreulichen Begegnungen erzählen!

(c) Und vor allem: Unsere Fahrt war fünf Wochen lang. Fünf Wochen sind nicht nur drei Wochen länger als 14-Tage. Nein. Eine 5-Wochenfahrt ist vom ersten Tag an grundverschieden. Die Fahrt ist nicht mehr bloß eine vorübergehende Ausnahmesituation deines „normalen“ Lebens – wobei das Ende der Fahrt immer schon in Sicht ist, so dass du eigentlich nur „Ferien“ von dei nem eigentlichen Leben zuhause machst – sondern die Fahrt wird dein Leben. . . . Und erst dann spürst du so richtig, wie die Einfachheit des Lagers nicht nur eine Notwendigkeit einer vorübergehenden Fahrt ist, sondern Lebensstil werden kann. Wie die 1000 Dinge, die du zuhause so dringend brauchst, nicht nur entbehrlich, sondern Ballast sind. Mit wie wenig doch ein vollkommen erfülltes Leben möglich ist. Oder genauer: Wie man mit (fast) nichts im Rucksack, aber dem gemeinsamen Glauben im Herzen, glücklich sein kann. Wie die göttliche Vorsehung – wenn man ihr nur Gelegenheit dazu gibt – immer alles aufs Beste lenkt!!
Aber das werden wohl nur diejenigen verstehen, die im nächsten Jahr selber mitkommen!
P. Markus Christoph SJM
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